Tanja Göldner setzt sich als Leiterin des Ökumenischen Frauenhauses Pforzheim und der Fachstelle gegen häusliche Gewalt im Enzkreis mit großem Engagement für den Schutz und die Stärkung von Frauen ein. Ihr Einsatz gilt insbesondere jenen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind und dringend Unterstützung benötigen. In ihrer täglichen Arbeit begleitet sie Frauen und Kinder, die Schutz und neuen Halt suchen. Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen spricht sie mit uns über ihre Arbeit, aktuelle Herausforderungen und darüber, wie Prävention und Aufklärung in der Region nachhaltig gestärkt werden können.
Welche Aufgaben und Angebote umfasst das Frauenhaus Pforzheim und die Fachstelle für häusliche Gewalt?
Das Frauenhaus ist ein anonymer Schutzraum für Frauen (ab 18 Jahren) und deren Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind / waren. Es ist ein Ort zum Kraft tanken und neue Lebensperspektiven entwickeln. Im Frauenhaus sind wir Mitarbeiterinnen rund um die Uhr für die Bewohnerinnen erreichbar und beraten psychosozial zu allen anfallenden Themen der Frauen und Kinder. Die Frauen bekommen mit ihren Kindern ein eigenes Zimmer mit Betten und einem Duschbad -sie leben in einer Art WG mit zwei anderen Frauen auf einer Etage und teilen sich eine Küche und ein Wohnzimmer mit diesen. Dies ist meist eine gute Unterstützung für die Frauen und Kinder, da sie erleben dürfen, dass sie mit der Problematik nicht alleine sind. Allerdings führt es auch häufiger zu Konflikten durch die unterschiedlichen Kulturen, die aufeinandertreffen. Aber so können wir unterstützen und den Frauen und Kindern aufzeigen, wie man gut mit Konflikten umgehen kann und sie auch stärken, ihre eigene Meinung nach außen vertreten zu dürfen.
In der Fachstelle häusliche Gewalt beraten wir alle Menschen ab 18 Jahren, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden und dies gerne aufarbeiten bzw. rechtliche Schritte einleiten wollen. Hier geht es sehr häufig darum nach einem Platzverweis durch die Polizei Kontakt zum Ordnungsamt aufzunehmen und um eine Verlängerung des Platzverweises zu bitten bzw. mit der Klientin/dem Klienten einen Gewaltschutzantrag auf Annäherungsverbot und eventuell auch eine Wohnungszuweisung zu stellen. Hierzu gibt es eine gute Kooperation zur Rechtsantragstelle des Amtsgericht Pforzheim, so dass solche Anträge per einstweilige Verfügung sehr schnell bearbeitet und meist innerhalb 1-3 Tage bewilligt werden.
Welche Entwicklungen beobachten Sie in den letzten Jahren im Hinblick auf häusliche Gewalt – sowohl in Pforzheim als auch allgemein?
Leider wird das Thema Häusliche Gewalt in Deutschland immer noch sehr häufig tabuisiert. Man spricht nur mit vorgehaltener Hand darüber. „mich betrifft es ja nicht – es sind ja nur die anderen“…aber es kann jede/n treffen. Warum wird von der Presse immer noch berichtet, dass „ein Mann eine Frau getötet hat aus Eifersucht“ o.ä. und nicht „wieder hat ein Mann eine Frau getötet – nur weil sie eine Frau ist“. FEMIZIDE benennen und nicht verharmlosen. Unsere Gesellschaft muss hinsehen und handeln. Die Zahlen steigen jedes Jahr – auf der einen Seite zeigt es uns, dass sich mehr Opfer trauen etwas gegen die Täter zu unternehmen, aber andererseits zeigt es auch, dass das Thema Gewalt immer noch bearbeitet werden muss. Es muss mehr Präventionsarbeit möglich sein. Schulen müssen offen sein für unsere Angebote – dass wir vor Ort kommen und Aufklären über das Thema. Unsere Zusammenarbeit mit der Polizei Pforzheim, dem Amtsgericht Pforzheim, dem Weißen Ring hat sich in den letzten Jahren immer mehr verbessert. Wir sind froh, dass Pforzheim die Lotsinnenstelle (bei der Diakonie PF) nun finanziert, so dass wir diese weiterhin für Frauen nutzen können, die es ohne Hilfe nicht zu uns schaffen würden.
Mit welchen Herausforderungen sind Sie und Ihr Team im Alltag am häufigsten konfrontiert?
Leider müssen wir tagtäglich Frauen in Not, die eine Schutzeinrichtung benötigen abweisen, da sie nicht finanzierbar sind. So können wir z.B. Frauen, die keinen gültigen Aufenthaltstitel haben oder gar keinen Aufenthaltstitel haben oder eine Wohnraumbindung haben nicht aufnehmen. In bestimmten Fällen müssen wir vor einer Aufnahme die zuständigen Ämter anfragen, ob eine Kostenübernahme möglich wäre – dies bedeutet leider immer viel Zeit. Zeit die Frauen in Not nicht haben. Des Weiteren bringen die Frauen heute multiplere Problemlagen mit ins Frauenhaus oder die Fachstelle häusliche Gewalt, so dass man sehr viel Zeit benötigt alles Mögliche in die Wege zu leiten, damit ein Leben ohne Gewalt überhaupt möglich sein kann. Ein weiteres großes Problem sind die Gesetze. So steht in Deutschland z.B. das Umgangsrecht über dem Gewaltschutz. Dies bedeutet, dass die Gewalt weitergeht, wenn die Frau sich mit den Kindern schützen will und ins Frauenhaus flieht – der Mann einen Antrag auf Umgang stellt und die Justiz und / oder das Jugendamt erwartet, dass die Frau dem Umgang nicht entgegensteht, zum „Wohle der Kinder“. Dies mag in einzelnen Fällen richtig sein, aber nicht, wenn die Kinder leidtragende waren und die häusliche Gewalt miterleben oder gar selbst erleben mussten. Oft wollen die Täter über den Umgang wieder an die Frau herankommen, bzw. spielen ihre Macht damit weiter aus, indem sie Umgänge mit den Kindern nutzen, um diese zu instrumentalisieren.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Gesellschaft oder von politischen Entscheidungsträgern, um betroffenen Frauen besser helfen zu können?
Wir wünschen uns, dass das Thema häusliche Gewalt nicht mehr tabuisiert wird. Die Rechte der Opfer sollten mehr gestärkt werden. In unseren Augen sollten eigentlich die Täter beweisen müssen, dass sie etwas nicht getan haben und nicht wie in Deutschland angewandtes Recht ist, dass immer erst einmal die Unschuldsvermutung vorliegt, bis Beweise etwas anderes aufzeigen. In Deutschland muss leider immer noch jedes Opfer beweisen, dass es wirklich Opfer ist/wurde. Die Politik fordern wir auf das Thema mehr in den Fokus zu nehmen und entsprechende Gesetzesänderungen vorzunehmen. Hier ist Spanien für uns ein guter Vorreiter, wie der Umgang mit Täter / Opfern und dem allgemeinen Thema Häusliche Gewalt ist. Durch deren Anpassungen gibt es seither deutlich weniger Femizide in Spanien. Die Täter bekommen Fußfesseln, wenn sie sich dem Opfer nicht mehr nähern dürfen, die mit der Polizei verknüpft sind, um sofort eingreifen zu können, falls der Täter nur in die Nähe des Opfers gehen. Wir wünschen uns des Weiteren, dass es eine Gesetzesänderung in Bezug auf das Sorge- und Umgangsrecht gibt. Momentan ist es nämlich so, dass ein Täter einen Antrag bei Gericht zwecks Umgangs oder alleiniges Sorgerecht stellen kann und innerhalb vier Wochen so wieder auf die Frau treffen, vor Gericht. Bei Gericht ist durch die momentane Gesetzeslage oft der sofortige Umgang und in Einzelfällen auch das alleinige Sorgerecht dem Täter (Vater) zugesprochen worden. Für die Frauen ein Grund wieder zurück zum Täter zu gehen, da sie nicht möchte, dass die Kinder ihm alleine ausgeliefert sind. Oder aber, die Gewalt wird beim Umgangsterminen fortgesetzt, da dann der Täter die Möglichkeit bekommt psychischen Druck auf die Frau auszuüben. Für die Kinder ist dieser Zustand noch unerträglicher, da sie ja schon vor der Flucht ins Frauenhaus sich schützend vor die Mutter gestellt haben. Sie kommen wieder in einen Loyalitätskonflikt. Wir sagen nicht, dass alle Väter den Kindern schaden – aber wir fordern, dass die Frauen und Kinder erst einmal die Möglichkeit bekommen, durchzuatmen, anzukommen, ihre erlebte Gewalt aufzuarbeiten und, dass die Täter Auflagen bekommen an einem Anti-Aggression-Training teilzunehmen und an sich arbeiten.
Was motiviert Sie persönlich, sich tagtäglich für dieses wichtige Thema und für die betroffenen Frauen einzusetzen?
Uns motiviert unsere Arbeit täglich, da es immer wieder Frauen schaffen sich gegen den Täter durchzusetzen, um ein neues gewaltfreies / gewaltärmeres Leben sich aufbauen zu können. Schön ist zu sehen, dass bei uns im Frauenhaus mit den Kindern und Frauen viel gelacht werden darf und sie sich endlich wieder freier fühlen dürfen. Wenn eine Frau, die bei uns im Frauenhaus oder auch in der Fachstelle häusliche Gewalt in Beratung ist und wir sie über eine längere Zeit begleiten durften es geschafft hat, sich von dem Täter zu trennen, eine eigene Wohnung gefunden hat und uns diese dann stolz präsentiert, das macht uns Sozialarbeiter glücklich. Schön ist auch immer wieder die Anteilnahme von Organisationen, Firmen, privaten Spendern – durch die wir Sach- und Geldspenden bekommen oder auch bei Öffentlichkeitsarbeit deren Zuspruch erfahren dürfen, dass wir eine gute und sinnvolle Arbeit leisten.
Lieben Dank an Tanja Göldner für dieses bereichernde Gespräch!


